Die Nixe kommt - der siebte Tag
Sonntag, 1. Juli, siebter Tag: Keiner hört auf mich. Den Wecker am Mobiltelefon habe ich auf 4.40 Uhr gestellt. Ob mich der Rufton geweckt hat oder das Starten des Motors, weiß ich nicht. Jedenfalls sind alle anderen hellwach, als ich mich pünktlich aus dem Schalsack schäle. Zehn Minuten später stehen wir vor der Schleuse in Lengfurt. Wieder ein Schleusenwärter, den wir für eine angemeldete Sonderschleusung früh rausgeholt haben. Gerds Frau hatte hier am Tag zuvor ein Paket und einige Karton hinterlegt. Jürgen holt die Ware, wirft sie Gerd zu. Wir führen war im Schilde. Um 5.05 Uhr sind wir wieder draußen aus der Kammer und tauchen in den Nebel.
Der hat sich an diesem Morgen milchig zwischen die beiden Ufer gelegt. Die Sicht reicht aus. In die Schleuse Rothenfels nehmen wir noch zwei dicke Weggefährten mit – Frachter, die mit uns in die Schleuse einfahren. Nach der Ausfahrt meckert der Schiffsführer der Wertheim, die im Oberwasser wartet, ins Funkgerät, was denn ein Sportboot unseres in der Schleuse zu suchen hat, und warum es als erstes losfährt. Das war ein Fehler. Erstens weil wir kein Sportboot sind, sondern eine Personenschiff auf Überführungsfahrt. Zweitens weil wir schneller draußen sind als die großen Brüder hinter uns. Und drittens, weil er nicht ahnt, wer hier an Bord das Sagen hat.
Wie sollte er auch. Das Schild auf dem Dach weist die Nixe noch immer als Rheinfähre Erpel-Remagen aus, und darunter steht der Name des früheren Besitzers. „Herr Brockmann, hier spricht die Nixe“, bellt Heinz im Befehlston in den Hörer, „wir haben ein Attest und einen Schleusenschein.“ Schleßmann erkennt Brockmann. Brockmann erkennt Schleßmann nicht. Und der streckt die Zunge raus und grinst sich eins.
Unsere beiden Verfolger werden uns wohl bis nach Hause begleiten. Hoffentlich können sie Schritt halten.
Statt Frühstück bei Tiffany gibt’s Frühstück bei Lohr. 7.45 Uhr. Gerd räumt den Kühlschrank aus und serviert den gebratenen Speck heute in überdimensionierter Form zum Spiegelei. Gespiegelt, gerührt, gekocht. Gerd bleibt im Takt. Einmal gab es vorgestern sogar verlorene Eier, das war, als dem Smutje die Schüssel runter gefallen ist.
Als wir um 9.30 Uhr Langenprozelten erreichen, läuten die Glocken. Zur Messe, nicht wegen uns. Der Nebel hat sich gehoben. Ich frage Jürgen nach den versprochenen 30 Grad. „Hüben fuffzehn, drüben fuffzehn“, antwortet er kurz. Es könnte trotzdem unser erster heißer Tag werden. Der Neben hat sich gehoben und einen blassblauen Himmel freigegeben.
Seit 5.30 Uhr sitze ich nun schon an meinem Computer, nur vom Frühstück und gelegentlichen Anlegemanövern unterbrochen. Gestern waren die Eindrücke so vielfältig, dass ich kaum Zeit hatte, sie festzuhalten. Außerdem hatte mein Funknetz im Spessart immer wieder schlapp gemacht. Ich muss fleißig nacharbeiten.
Kurz vor der Schleuse Harrbach stört mich Jubel aus dem Ruderhaus. Über Funk teilt der Schleusenwärter mit, dass er uns vor unseren beiden Verfolgern solo durchlässt. Jetzt haben wir den Rücken frei und reine Luft voraus. Es ist 11 Uhr.
11.50 Uhr Schleuse Himmelstadt in Sicht. Der Motor gibt komische Geräusche von sich. Aus einer schwarzen Rauchwolke steigen Blitze auf. Das Getriebe explodiert und reißt uns ein mannshohes Loch in den Rumpf. Wir sin
+++SOS +++ Übertragung abgebrochen +++ SOS +++
Stopp, stopp, natürlich alles Quatsch. „Wir sin…gen La Paloma“, könnte der letzte Satz enden. Wir haben ein Luxus-Problem, wir sind zu schnell. Unsere alte Dame hat scheinbar wie die wahrhaftigen Nixen den Unterleib eines Fischs. So schnell und geschmeidig gleitet sie durch Wasser. 12 Uhr. High Noon in Himmelstadt, dabei soll der Showdown erst um 20 Uhr sein. Wir haben alle darauf vorbereitet. Wir können die, die uns erwarten, nicht enttäuschen und einfach so nach Hause schleichen. Heinz will es nicht verstehen. Als Binnenschiffer ist er im Bewusstsein groß geworden, dass Zeit Geld ist. Jetzt sind wir gehalten, sie zu vergeuden. „Kasperltheater“, brummt er.
Um 13.15 Uhr schleusen wir uns in Erlabrunn durch. Man hat von uns gehört – über Funk, übers Radio, übers Internet, über die Zeitung. Vom Steg über der Schleuse aus werden wir von den ersten Fans winkend erwartet. Gerd grinst in sich hinein. Er hält Kontakt zur Heimat und ahnt, dass uns Großes bevorsteht. 13.37 Uhr,
Mainkilometer 243, noch 28. Veitshöchheim und Margetshöchheim vor uns, verbunden durch den Steg, der abgerissen werden soll, weil er einem Schiffsstoß nicht standhalten könnte. „Sollen wir’s mal ausprobieren“, fragt ich Jürgen. Er sucht sich lieber den Weg zwischen den Flusspfleilern. 14 Uhr.
Wir passieren den neuen Hafen in Würzburg. Welchen Rastplatz sollen wir anlaufen? Wir tuckern am Kulturspeicher vorbei, Friedensbrücke, dann müssen wir warten. Vor der Schleuse Würzburg. In Zell wurde Heinz von Freunden am Ufer erwartet. Sie winken. In Würzburg treffen wir sie wieder, steuerbord, also rechts. Zusammen mit meinem Kollegen Günther. Eine Woche lang hat er das, was ich in den Computer getippt habe, für die Zeitung fein gemacht.
Die „Stadt Würzburg“ wird talwärts geschleust. Ob man das zu unserer Begrüßung so eingerichtet hat? Es wäre doch nicht nötig gewesen. Zwei hübsche Damen liegen auf der Wiese und essen Kuchen. Gerd bittet sie, uns ein Stück abzugeben. Der Versuch misslingt. Wir fahren winkend weiter.
Einem Maler fahren wir ins Motiv. Er verzeiht zwar, weigert sich aber, uns ins Bild mit aufzunehmen. Das Oberwasser der Schleuse Randersacker soll unser Schutzhafen sein. Unbeobachtet, wie wir glauben, wollen wir dort ausharren, bis die Zeit reif ist zur Heimkehr. Nur noch die Schleuse Goßmannsdorf liegt vor uns. Der Rest der Strecke sollte kalkulierbar sein.
Heinz und ich diskutieren über die Spuren, die der Mainausbau hinterlassen hat. Um 15.30 Uhr fahren wir in die Schleuse ein. Als wir 20 Minuten später im Oberwasser anlegen, steht Heinz’ Freund schon mit einer Tüte in der Hand am Ufer. Kuchen hat er besorgt, nachdem uns die Damen zuvor den ihren vorenthalten hatten. Wir schlagen an Deck die Kaffeetafel auf, als meine Frau und unsere Freundin Andrea des Wegs kommen. Jetzt gibt’s ein Problem. Das Schiff wollen wir auf keinen Fall betreten lassen. Bis wir nicht angekommen sind, kommt niemand an Bord, da sind wir uns einig. Also findet die kurze Begrüßung am Ufer statt. Viel Zeit bleibt nicht, wir sind schließlich nicht zu unserem Vergnügen da. Auch ein unbekannter Herr ist da. Auf einem Fest in Marktsteft hat er von unserer Ankunft und unserem Rastplatz Wind bekommen. Er will sich den Augenblick nicht entgehen lassen, macht Fotos. Auch ich gebe ich ihm meine Kamera. Bisher sind Fotos selten, auf denen wir alle vier zu sehen sind. Wir haben die T-Shirts an, die Gerd hatte drucken lassen. Sie waren der Inhalt des Päckchens, das Gerds Frau an der Schleuse in Lengfurt hinterlassen hat. „Nixe – Altstadtfähre Ochsenfurt“ prangt auf rotem Grund.
Ein Sportflugzeug kreist über uns. Otmar Brand sitzt am Steuerknüppel, Heinz Faulhaber und Walter Meding gehören zu den Passagieren.
Die Kartons sind für Schilder gedacht. „Eilfähre Rotterdam – Odessa“ steht darauf. Seit Tagen schon haben wir uns Gedanken gemacht, wie wir Ochsenfurt wohl überraschen könnten. Viele Gedanken gingen uns durch den Kopf. Bis hin zu dem, uns in der Nacht an Ochsenfurt vorbei zu schleichen und vom Berg, von Frickenhausen her am Ziel einzulaufen. Wir stellen uns die Blick vor, die sich vergeblich gen Westen gerichtet hätten, und verwerfen die verwerfliche Idee.
Auch Andrea Trumpfheller besucht uns in Randersacker, ihre Erregung ist der Erleichterung gewichen. Als Tochter einer Schifferfamilie hat sie die Botschaft von der Havarie in Himmelstadt geglaubt, das Gedächtnis schon nach Mechanikern und Schweißern druchsucht, die unsere alte Dame schnell wieder flott machen könnten. Als sie sich überzeugt hat, dass die Nixe heil und sie einem üblen Scherz aufgesessen ist, fällt die Anspannung von ihr ab. Aber auch sie darf nicht über die Reling. Prinzip ist Prinzip.
Um 18 Uhr binden wir die Taue los. Unsere beiden Verfolger aus der Schleuse in Lengfurt haben uns wieder eingeholt. Wir warten, bis sie uns passiert haben und hängen uns in ihre Spur. Es geht auf die letzten Meter. Bei Kilometer 260 die Kalte Quelle. 265 an der Brücke in Sommerhausen. Fünf, vier, drei . . . lang vor der Schleuse Goßmannsdorf stehen die ersten Spalier, die anderen auf dem Steg über der Staustufe. Ich erkenne Renate und Ernst Lindner, Klaus Müller, Frank Lindemann, Konrad Tremel. Der erste Schluck Wein wird uns gereicht. Wir sind präpariert und haben die Gläser bereitgestellt. „Die Schleuse Goßmannsdorf grüßt das Fährschiff Nixe“, ruft Schleusenwärter Franz Stroh durch den Lautsprecher. Wir grüßen zurück.
Jürgen nimmt Abstand zu den beiden Pötten vor uns. Die Frankenland kommt uns entgegen, jenes Schiff, dass uns im fernen Zeeland Halt für die erste Nacht gegeben hat. Die Welt ist klein.
Wir erwarten unsere Ankunft. So haben wir sie nicht erwartet. In Kleinochsenfurt empfängt uns eine Hundertschaft am Ufer. Eine Fahne des SV Kleinochsenfurt wird geschwenkt. Hände winken. Gesichter lachen. Objektive richten sich auf uns. Die Ruine der Alten Mainbrücke tritt in unseren Blick. Die Ruine, derentwegen wir uns auf große Fahrt begeben haben. Davor spannt sich ein Bogen aus Wasser. Die Feuerwehr hat ihn gebaut, es soll ein Triumphbogen für uns sein. Sirenen heulen.
Heinz, der Zweifler, begräbt seine Zweifel. Jürgen, der Stille, steht stolz und glücklich am Steuerrad. Wie wir alle stolz darauf, es geschafft zu haben. Und glücklich, seine Frau und seinen Hund wieder zu sehen. Beide hatte er vermisst. Gerd, der Zweckoptimist, lässt sich von der Begeisterung tragen, die uns am Ufer entgegenschlägt. Ich, der Schreiber, bin unsicher. Von der gewohnten Rolle des Beobachters trete ich in die ungewohnte des Akteurs. Wir werden wie Helden empfangen, dabei haben wir nichts gemacht, als unseren gewohnten Komfort und unseren regelmäßigen Tageslauf für ein paar Tage gegen ein Abenteuer einzutauschen.
Ein paar hundert Leute stehen am Ufer. Das Ochsenfurter Saxtett spielt das Frankenlied. Bürgermeister Peter Wesselowsky fängt das Tau auf und wirft es über den Poller - ungelenk, wie ich nach all meiner Erfahrung zu sagen weiß. Ein roter Teppich, mehr ein Fußabstreifer, wird vor uns ausgebreitet. Gerhard Lauer breitet ihn aus. Jener, dessen Idee mit unserer Hilfe Wirklichkeit geworden ist. Sekt wird gereicht, später Freibier.
Wir grüßen, winken, schütteln Hände, umarmen Freunde, Familie. Plaudern, erzählen. Es sind unsere Erfahrungen, Erinnerungen, Erlebnisse. Wir geben sei preis, schenken sie her. Ein Irish Folk Quartett unterhält vom Vorderdeck aus, während wir das Schiff zur Besichtigung freigeben.
Ich fühle mich ganz museal, als ich die Kabine beschreibe, unsere Gewohnheiten der letzten Tage, die Schlafplätze, den noch immer gut gefüllten Kühlschrank, die Bordtoilette.
Manchen steht Entsetzen ins Gesicht geschrieben, als sie die Rostflecken sehen. Ich erkläre, dass der Rost unter vielen Schichten verborgen lag, dass wir den rohen Zustand, wie er vor uns liegt, erst herbeigeführt haben, um die anschließende Instandsetzung zu erleichtern. Wir, vor allem Heinz, der Hammerspecht.
Im Inneren beginne ich schon Abschied zu nehmen von einer faszinierenden Zeit. Faszinierend auch wegen der Ansichten, die ich gewonnen habe. Faszinierend aber vor allem wegen der Freunde, die ich gewonnen habe.
Gerd, den selbst inszenierte Müßiggänger. Früh um sechs hat er uns den ersten Kaffee gereicht. Später ein opulentes Frühstück, einen zweiten Kaffee, zur Mittagszeit Brote geschmiert, am Nachmittag erneut Kaffee, diesmal mit Kuchen. Am Abend gekocht, stundenlange Vorbereitung und den Espresso danach mit inbegriffen. Den Speiseplan perfekt geplant, das Geschirr gespült, vier-, fünfmal am Tag. Und trotzdem den Faulenzer gespielt, überzeugend genial. Jürgen, der sich bewiesen hat, wie viel Kraft und Wille noch in ihm steckt. Der nach Jahren an Land in sein altes Leben als Schiffer zurückgefunden hat. Und schließlich Heinz, der Skeptiker, dessen Schalk und Herzlichkeit unter einer rauen Schale verborgen liegen. Ich erzähle, wie aus vier einander fremden, ja fremdartigen Menschen, ein Team geworden ist. Wie aus Reibungspunkten Schweißpunkte geworden sind. „Man braucht eine Reibfläche, um ein Feuer anzuzünden“, sagt Heinz.
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