Sonntag, 1. Juli 2007

3. Tag

Die Nixe kommt - 

der dritte Tag

Mittwoch ist heute, oder so? Es spielt keine Rolle. Aufstehen im Morgengrauen. Auslaufen um fünf. Raus aus dem Hafen unweit der Lippe-Mündung. 813 Kilometer zeigt das Schild am Ufer.
 

Die Mündung des Mains liegt bei 496, und das bei acht bis neun Sachen. Der Himmel weiß noch nicht, wie er sich entscheiden soll. Unter einer dichten Wolkendecke strahl die orangefarbene Morgensonne hervor. Gegen 6 Uhr saugen wir uns förmlich an den holländischen Frachter Elithe heran. In seinem Sog können wir etwas mehr Fahrt machen. Es geht um Nachkommastellen. Sieben Uhr, Kilometer 797, vorbei an der Ortschaft Stapp. Nie gehört, wenig versäumt dabei. Die Sonne hat es sich mittlerweile überlegt, und schiebt die Wolken zur Seite, Plattes Land am Tor zum Ruhrgebiet. 
 
Um 7.40 Uhr kommen wir an die Duisburger Reede, eine 24 Kilometer lange Anlegestelle, vorbei an Schornsteinen, Kränen und Rohrgebilden. Eine Kokerei entlässt im Zehn-Minuten-Takt dichte Dampfwolken in den Himmel.


Der Speck duftet schon. Heute gibt er zusammen mit Rührei den ersten Gang unseres Frühstücks ab. Rührei verklebt die Teller nicht so wie Spiegelei. In Zeiten des Wassermangels ein unschätzbarer Vorzug. Gestern hat Gerd das Geschirr mit Rheinwasser vorgespült. Geht. Die Marmelade, die Gerd von zu Hause mitgebracht hat, verdient es, als besonderes Vorkommnis erwähnt zu werden. Mango-Vanille-Ingwer – ein Traum. Muss wohl ein Rezept von seiner Urgroßmutter sein. Der Kaffee hat an Kraft gewonnen, aber die Süße fehlt ihm immer noch, und mir am meisten.
 

In Duisburg-Homberg schließlich, es ist 9 Uhr die Bunkerstation von Rheintank bei Kilometer 780, so etwas wie ein Baumarkt mit Tankstelle. Diesel gibt’s, der Schiffer sagt Gasöl, Schmierstoffe, Farbe – bloß keine Wasserkanister und keinen Zucker. Für den freundlichen Verkäufer ist das kein Problem. Er hilft sogar mit, unser Leergut mit Wasser zu füllen und schenkt mir eine Tasse voller Zuckerwürfel, samt bedruckter Tasse. Ich werde sie in Ehren halten. Zum Dank lassen wir ihm einen Bocksbeutel da.
 

9.15 Uhr ausgebunkert, losgefahren. Wir schleppen uns träge dahin, vorbei an Kuhweiden und Industrieanlagen. 9.45 Uhr: Kilometer 777; 11.21 Uhr: Kilometer 765; 12.57 Uhr: Kilometer 753. Es geht nicht schneller. Zwischendurch hat Gerd Kaffee serviert und später Wurstbrote. Heinz verwirft den Vorsatz, während dieser Tage abzunehmen. Dafür hat er die falsche Crew gebucht. 13.44 Uhr schließlich Düsseldorf, ein weiterer Markstein auf unserem Weg. Kneipen-Erfahrungen werden berichtet, Brücken fotografiert.
Jürgen zeigt uns, wie man Taue spleißt. Ein Stück des gedrehten Seils wird aufgewunden, die losen Enden zu einer Schlinge gebogen und in das übrige Tau verflochten. Unter Zug wird eine Verspleißung so fest, dass eher das Tau reißt.
 

Diese Brücken, abwechselungsreich, an Pylonen und Gitterbögen auf gehängt, Das Bild prägend. Nicht das Spannbeton-Einerlei von daheim. Ich erzähle Heinz, dass in Ochsenfurt schon einmal darüber geredet worden ist, das neue Mittelteil der Alten Mainbrücke an einem Bogen aufzuhängen. Anfang der 90er muss das gewesen sein. Aber über was wurde nicht alles schon geredet.
Um 14.30 Uhr überlässt Heinz Jürgen das Ruder und greift, voll des Tatendrangs zum Werkzeug. Ein Lacksplitter weckt sein Interesse. Elf Farbschichten zählt er. Fast wie bei den Jahresringen eines Baumes lässt sich das Alter des Schiffs darauf ablesen. Als er zur Flex mit Drahtbürste greift und sich am Boden des Steuerhauses zu schaffen macht, droht ihm kurzzeitig der Verlust unserer Sympathie. Brauner Roststaub zieht durch die Gemächer. Er hat bald ein Einsehen.
 

Der „Rauhe Ort“, den wir um 16.31 Uhr bei Kilometer 725 erreichen, erscheint uns friedlich. Fast genau 500 Kilometer sind es noch bis Ochsenfurt, rechnen wir nach. Bei Kilometer 496 zweigt der Main ab. Dann geht es 271 Kilometer nach Ochsenfurt hoch. 26 Schleusen. Ich überlege, ob ich mir am nächsten Montag schon was vorgenommen habe. Das mit den Kilometern ist so eine Sache. Beim Rhein wird von oben zur Mündung gezählt. Bei den Nebenflüssen ist es anders herum, Weiß der Herr warum.
 

Um 19 Uhr erwartet uns in Hitdorf bei Kilometer 706 die Familie Engel am Ufer und winkt mit blau-weißen und rot-weißen Tüchern. Die Begrüßung ist geplant. Vater Georg stammt aus Frickenhausen und hat sich als Ofenbauer in Hitdorf niedergelassen. Es winken aber nur seine Frau und die Kinder. Der Vater sei beim Bergsteigen, ruft uns die Mutter zu. Dann hat er eben Peck gehabt.
Um 19.45 Uhr empfängt uns Hermann am Bayer-Werk in Leverkusen. Hermann hieß der Ladekran, der früher genau bei Kilometer 700 stand. Die Rheinschiffer kennen ihn alle beim Namen, auch wenn Hermann längst verschrottet ist. Rolf, Peter und Kurt stehen noch da. Seltsamer Brauch, den Kränen Namen zu geben.
 

Gerd hat früh schon begonnen, Suppengemüse zu putzen. Sein Tafelspitz will lange und leise simmern. Um 20.10 Uhr ist das Mahl bereitet. Nudeln und Meerrettich gibt’s dazu. „Ein bisschen Biss muss sein“, sagt der Koch, und wischt sich den Schweiß ab, den ihm die Schärfe auf die Stirn getrieben hat. Meine Nebenhöhlen weiten sich.
Ein fruchtiges Cuvee mit deutlichen Spuren den Scheurebe passt bestens zu unserem fränkischen Hochzeitsessen.
 

Schließlich kommt Köln in Sicht. Die Türme am Horizont, die mir Gerd und Heinz viele Kilometer zuvor schon als den Kölner Dom weisgemacht haben, waren Hochspannungsmasten. Gerd gesteht mir den Schwindel, damit ich’s nicht ins Internet schreibe. Zu spät.
Gerds Begeisterung ist kaum zu überbieten. Endlich Köln. Wir prosten uns vor der Kulisse des Doms zu. Zwei prosten, einer knipst, dann wird gewechsel. Jürgen überlässt mir kurz das Ruder, um seinen Foto zu holen. Mein erstes Mal. Später dürfen Gerd und ich auch mal länger ran. Das ist erlaubt, solange ein Schiffsführer an Bord ist, klärt man uns auf. Aber lieber auf dem Main, da ist's ruhiger.
 

Es geht durch die vielen Brücken in den Hafen von Deutz. Die Severinsbrücke und den Dom im Rücken. Um 21.40 Uhr legen wir dort an der Spundwand an. Kilometer 687, 126 an diesem Tag, In knapp 17 Stunden. 7,5 Sachen im Schnitt. Maschine aus, Heinz stellt fest, dass die Maschine so viel Öl säuft wie Gerd und ich Wein trinken. Ich denke nach, wem diese Bemerkung wohl zu Ehre gereicht. Schließlich ist auch für den Käpt'n Feierabend.
Für die letzte halbe Stunde an Deck muss ein Weißburgunder herhalten, Die leichte Barrique-Note steht ihm gut. Heinz trinkt lieber Roten, ein kleines Glas nur, Wir ziehen eine Flasche auf, er wird schon nicht schlecht.

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